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Blog »Anarchive.de«  | Fuzzy Space | Online: 01.01.2018

Im Blog »Anarchivarische Praxis« treffen Welten aufeinander: Während sich auf der einen Seite künstlerisch-anarchistisches Engagement formiert, appelliert anderseits das Gewissen des Archivars an die Aufrechterhaltung der bestehenden (archivarischen) Ordnung und Verhältnisse. Und während die anarchistische Idee Ordnungsstrukturen möglichst flexibel auf kleinste Einheiten beschränken möchte, fordern archivarische Strukturen weitreichende übergeordnete Ordnungsprinzipien, die jede Handlungsweise bestimmen und die es bei jedem Schritt konsequent zu berücksichtigen gilt.

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Die Verflüssigung des Archivs

Mit dem Format »anarchivarischer Praxis« verlässt der Archivar den gesicherten Archivraum und analysiert in Bild- und Textdokumenten gesellschaftliche Dimension archivarischer Praxis. In der Folge führt er die gewonnenen Erkenntnisse in eigene archivarische Strukturen und Systeme zurück. Dabei kollidieren anarchivarische Verfahren zwangsläufig mit konventionellen archivarischen Prinzipien. Aktuelle gesellschaftliche Diskurse brechen in aufwendig gesicherte Archivräume ein: Der Archivkörper gerät ins Wanken, Ordnungsstrukturen deformieren sich, Zeitdimensionen rotieren um die eigene Achse, Archivräume schrumpfen oder dehnen sich schlagartig aus.

Der blinde Fleck archivarischer Praxis

In den letzten Jahren ist die visuelle Wahrnehmung zu einem zentralen Gegenstand archivarischer Praxis geworden. Der Blog »Anarchivarische Praxis« untersucht daher sozial-, kultur- und kommunikationswissenschaftliche Ansätze und analysiert deren Anwendbarkeit für zeitgenössische archivarische Bilddiskurse. Anhand eines »privaten« Bildkonvoluts wird der Konstruktion und Wirkungsweise privater Darstellungen und Inszenierungen ebenso nachgegangen wie der Frage nach den Auswirkungen dokumentarischer Praxis auf soziale Phänomene. Im Spannungsfeld zwischen privaten und ver-/öffentlichen Bildern bewegt sich der Akteur sowohl in historischen wie aktuellen Bilddiskursen: Der Entwicklungsprozess von Bildern basiert nicht vorrangig auf chemischen Mixturen (analoge Fotografie) oder digitaler Rechenleistung (digitale Fotografie), sondern vollzieht sich im ontologischen Sprung zwischen dem Abgebildeten aus der Vergangenheit und seiner stetigen Aktualisierung in der Gegenwart. In diesem Prozess vereinen sich Vergangenheit und Gegenwart blitzartig zu einer instabilen Ordnung mit minimaler Halbwertszeit. Es ist dieser schwer fassbare Zwischenraum, der immer wieder neue Betrachtungsperspektiven auf Subjekte, Objekte, Metaphern, Lebensgeschichten, Gesellschaften und Gruppen und ihre Konflikte provoziert. Das Bild im »Sprung durch Raum und Zeit« offenbart eine bildimmanente Bewegungsunschärfe, die ein konstitutives Merkmal bildproduzierender Praxis darstellt. Es verwundert nicht, dass dieser »unscharfe« Prozess im Mittelpunkt anarchivarischer Praxis von FUZZY SPACE steht.

Der (hegelsche) Archivkörper

Vor diesem flimmernden Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit ein Einblick in die »Privatsphäre« des Archivars eine bisher unbekannte Perspektive für die anarchivarische Praxis eröffnet? Welche Rückschlüsse lässt der Blick über die Schulter des An-/archivars auf die professionelle archivarische Praxis zu? Was zeigt er, was blendet er un-/bewusst aus? An welchen Stellen werden politische Einstellungen des Akteurs sichtbar, wie und wo widersprechen sie sich und was wird demonstrativ(!) verborgen? Im Fokus stehen individuelle Strategien der Wissensaneignung unter dem Einfluss kultureller Repräsentations- und sozialer Machtverhältnisse. So wird u.a. deutlich, dass sich Akteure im Bemühen um Objektivität auch – und vor allem im archivarischen Kontext – selbst-/kritisch emanzipieren müssen, um den eigenen politischen Bewusstseins- und Handlungsspielraum stetig zu erweitern. Dieses Bemühen im Kampf um Deutungshoheit und Handlungsmacht ermöglicht es, Vorstellungen zur Gestaltung der privaten, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, die den Archivar auf die Verwirklichung einer vermeintlich in seinem Wesen liegenden Norm verpflichten, kritisch zu hinterfragen. Denn es macht einen entscheidenden Unterschied, ob sich der Archivar von seinem Archiv »vereinnahmen« lässt, oder ob er seinen Archiv-/Körper nutzt, um Verfahren und Mechanismen der Vereinnahmung kritisch zu reflektieren: »Im Herrn ist ihm das Fürsichsein ein andres oder nur für es; in der Furcht ist das Fürsichsein an ihm selbst; in dem Bilden [und Bildern] wird das Fürsichsein als sein eigenes für es, und es kommt zum Bewusstsein, dass es selbst an und für sich ist.«

Schattenspiele im Archiv

Archive manifestieren sich durch innere und äußere Formen und Strukturen. Formfragen und -entscheidungen sind jedoch immer zugleich auch politische Statements. Somit dient das Format anarchivarischer Praxis auch der Entwicklung eines angemessenen ästhetischen Formvokabulars, um politische Inhalte im Archivkontext zu verhandeln. Auf der Suche nach Wechselwirkungen in der Beziehung zwischen archivarischen Formen, Strukturen und anarchivarischer Praxis wird deutlich, dass eine aktivistische Haltung eine künstlerisch-forschende Analyse keinesfalls ausschließt; mehr noch, eine engagierte Zugangsweise schärft den Fokus auf den Untersuchungsgegenstand. Im konkreten Fall rücken gesellschaftliche Bedingungen und ihre Auswirkungen auf den Archivkörper ins Blickfeld. Dabei folgt der Archivar als teilnehmender Beobachter – und gleichzeitig als zu beobachtendes Subjekt – seinem Schatten in das weite Feld anarchivarischer Theorie und Praxis.