Archivmorphologie I | Macht Archive

Archivmorphologie I | Macht Archive

Ausstellung, Installationen, Skulptur

Archivmorphologie I | Macht Archive | Fuzzy Space | 30.09.2018 – 21.10.2018

»Insofern lagen und liegen moralistische Betrachtungsweisen [dem Archiv] schon immer näher als revolutionäre Forderungen«. (1)

Archivmorphologie I | Macht Archive

Seit der Antike liegen die Aufgaben des Archivs in der administrativen Speicherung und Verwaltung juridischer und politischer Vorgänge von stadt-/staatlicher Bedeutung: »In unmittelbarer Nähe zum Rathaus (Bouleuterion) lag das Zentralarchiv (Metroon) im Zentrum des politischen Athen: Wurde über neue Gesetze debattiert, konnten auf direktem Weg ältere Gesetzeswerke, die den Hauptteil der Archivbestände bildeten, konsultiert werden. Verwahrt wurden indes neben Gesetzen und Erlassen auch die Namen derjenigen, die von justiziablen Akten betroffen waren, […] Die Athener mussten erkennen, dass man nicht vor den Göttern, sondern aufgrund dessen, was im Archiv geschrieben steht, schuldig gesprochen wird«. (2)

Spätestens mit der Epoche der Aufklärung dienten Archive zunehmend auch der Entwicklung und Repräsentation des jeweiligen nationalen Selbstverständnisses. Heute sind sie »gleichsam das semantische Äquivalent von politischen Gliedern der Staatsnation«. (3) So korrespondiert beispielsweise die Ordnung der französischen »Archives Nationales« mit der inneren Struktur des nationalen »Selbstbewusstseins«. (4) (Ganz zu schweigen, von dem, was sich im Unterbewusstsein des Archivkörpers manifestiert und sich im Rahmen nationaler Krisen in irrationalen Gewalt-/Exzessen entlädt: Wer glaubt, das Archiv folge (immer) einer klaren Logik, ist selbst verrückt.)

Dilemmadiskurse: Präsenz und Repräsentation

Bis heute basiert die etatistische Handlungsmacht auf Dokumenten, die im Archiv sicher verwahrt werden, die die ideologische Deutungsmacht des Staates im Gesellschaftsdiskurs legitimieren, repräsentieren und aktualisieren. (5) Archive präsentieren somit politische Herrschaft und sind zugleich Repräsentationen/Repräsentanten von Herrschaft. Sie bilden also nicht nur ab, sondern sie konstruieren politische Machtstrukturen und schaffen so eine Voraussetzung der ideologischen Codierung sozialer, kultureller, politischer und historischer Phänomene. In diesem Zusammenhang darf jedoch nicht vergessen werden, dass Repräsentationen von historischen Entwicklungen sowie die Repräsentation institutioneller Machtverhältnisse kaum an einer »Realität« überprüft werden können, da diese Realitäten selbst durch Repräsentationen konstituiert werden. Oder grundsätzlich formuliert: »Sowohl das Subjekt als auch seine Erfahrung werden erst durch Repräsentationen konstituiert«. (6) Dies stellt insbesondere Institutionen, die sich dem »Dokumentarischen« verschrieben haben, vor die grundsätzliche Frage: Wie lässt sich die »Präsenz« abbilden, wenn diese durch ihre Repräsentation erst erschaffen wird? Angesichts dieses latenten Widerspruchs droht auch die Funktionslogik des Archivs schnell ins Leere zu laufen. (7) Es sei denn, der »logische Bruch« wird als immanente Voraussetzung archivarischer Praxis stets deutlich (gemacht) und nicht zum Zwecke der Konstruktion einer offiziellen Narration ideologisch verdunkelt, verschleiert, kaschiert. (8) Zudem sind die Behandlung von Fragen der Repräsentation, Faktizität, Normativität, die bei Archivoperationen sichtbar werden, ein elementarer Bestandteil archivarischer Praxis. Sie definieren maßgeblich die Strukturen archivarischer Systeme und begründen Formen unterschiedlicher archivarischer Verfahrensweisen. Es lohnt sich daher, mit einem (kritischen) Blick blinde Flecken und verborgene systemimmanente Macht/-Strukturen immer wieder aufs Neue im Diskurs zu identifizieren, um einer potentiellen ideologischen Vereinnahmung vorzubeugen oder gegebenenfalls entgegenzuwirken.

Repräsentationskritik als Wissen- und Archivpoetik

Ein Archivdisplay aus gebrauchten Baumarkt- und Discounterelementen dominiert den Büro- und Ausstellungsraum. Durch den Verzicht von Bildern, Texten, Dokumenten in der raumgreifenden Archivinstallation wird die Aufmerksamkeit des Besuchers auf die »bloßgestellte« Ausstellungsinfrastruktur gelenkt. (9) Das Display verweist vordergründig zunächst auf sich selbst, eröffnet aber gerade dadurch Perspektiven auf aktuelle politische Repräsentations- und Handlungsräume. Es fungiert quasi als Repräsentationsmodell der Repräsentation, um Perspektiven im Diskurs um Deutungshoheit, Handlungsmacht und institutioneller Gewalt vor Ort zu verhandeln: (10) »[Es] ist den Künsten in bestimmten Zusammenhängen abzumerken [sic], wie die Archivpoetik verfährt. Insofern die Einrichtung, der Betrieb und die Nutzung von Archiven immer auch mit Darstellungsproblemen konfrontiert sind, vermag gerade eine kunst- und literaturwissenschaftliche Perspektive jene Verquickung von Aktenführung und Macht, von Wissensformation und Speichertechnologie zu erhellen, mit der sich die Gewalt der Archive zur Geltung bringt«. (11)

  1. Die These basiert auf Martha Roslers Anmerkungen zur Dokumentarfotografie. Dort heißt es: »Moralistische Betrachtungsweisen lagen der Dokumentarfotografie schon immer näher als revolutionäre Forderungen«. Was für die spezifisch-archivarische Methode der Dokumentarfotografie gilt, lässt sich auch auf das übergeordnete Phänomen des Archivwesens beziehen. | Vgl.: Rosler, Martha (1999): Drinnen, Drumherum und nachträgliche Gedanken (zur Dokumentarfotografie). In: Breitwieser, Sabine (Hg.): Martha Rosler. Positionen in der Lebenswelt. Köln: König, S. 105-148.

  2. Weitin, Thomas; Wolf, Burkhardt (2012): Einleitung: Gewalt der Archive. Zur Kulturgeschichte der Wissensspeicherung. In: Weitin, Thomas; Wolf, Burkhardt (Hg.): Gewalt der Archive. Zur Kulturgeschichte der Wissensspeicherung. Konstanz: Konstanz University Press, S. 16.

  3. Tagungskonzeptpapier Archiv und Gedächtnis, veranstaltet vom Frankreich-Zentrum der Universität Leipzig in Verbindung mit der Forschungsgruppe »Transferts. Histoire interculturelle du monde germanique« am CNRS Paris, mit dem Deutschen Historischen Institut Paris, mit dem Institut français de Leipzig, dem Berliner Centre Marc Bloch und dem Leipziger Institut für Kultur- und Universalgeschichte e.V., 23-25 Juni 1996 in Leipzig, S. 2.

  4. Vgl.: Ernst, Wolfgang (2000): Archivtransfer. In: Espagne Michel, Middell, Katharina, Middell, Matthias (2000): Archiv und Gedächtnis. Studien zur interkulturellen Überlieferung. Leipzig: Universitätsverlag, S. 71.

  5. »Gerade von Staats wegen eingerichtete Archive sind deshalb zugangsbeschränkt: Sie bergen Arkana und politische Betriebsgeheimnisse. Die Einfriedung der Verwaltungspraxis sichert der Staatsgewalt einen verborgenen Funktionsraum. An Archiven wird daher deutlich, wie ›strukturelle Gewalt‹ funktioniert.« | Weitin, Thomas; Wolf, Burkhardt (2012): Einleitung: Gewalt der Archive. Zur Kulturgeschichte der Wissensspeicherung. In: Weitin, Thomas; Wolf, Burkhardt (Hg.): Gewalt der Archive. Zur Kulturgeschichte der Wissensspeicherung. Konstanz: Konstanz University Press, S. 9. | In diesem Fall basiert das staatliche Gewaltmonopol auf einem »staatstragenden« Wissensmonopol, das in den Archiven vor dem Zugriff der Bürger »geschützt« wird.

  6. Burgin, Viktor (2003): Einleitung zu »Thinking Photography«. In: Wolf Herta (Hg.): Diskurse der Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters. Berlin: Suhrkamp, S. 30. | Das dilemmatische Verhältnis zwischen Objekt und Zeichen ist seit der Antike bekannt, erfährt jedoch in Diskursen über Deutungsmacht und -mächte im Zeitalter postfaktischer »Diskursmodelle« eine zusätzliche Brisanz, die sich verstärkt in Formen (und Krisen) der Ideologie,- Institutionskritik, feministischer und kolonialer Kritik und Repräsentationskritik äußert.

  7. »Denn ebensowenig wie es innerhalb der Repräsentation eine unmittelbare Präsenz geben kann, gibt es einen Weg, der jenseits der Repräsentation zur Wahrheit führen würde. Jeder Versuch einer Selbst-Repräsentation ist damit […] mit dem Problem der Unhintergehbarkeit der Repräsentation konfrontiert.« | Deuber-Mankowsky: Repräsentationskritik und Bilderverbot. http://www.bu.edu/mzank/tr-deutsch/archiv/Bilderverbot.html (Stand: 28.08.2018).

  8. Ansonsten drohen Archive, »kulturelle Fehl- oder Leerstellen anhand früherer Erfahrungswerte zu interpolieren, um durch die ästhetische Spekulation über die Vergangenheit gefällige politische Erfahrungen zu ermöglichen«. | Steyerl, Hito; Jordan, Marvin (2016): Politik der Post-Repräsentation. In: Arch+. Release Architecture. Bd. 224, S. 81.

  9. Eine aktive Auseinandersetzung mit dem Archivdisplay im Ausstellungsraum erfordert unterschiedliche Positionen des Betrachters im Raum. Die komplexe »Verortung« des Modells im Raum wird erst anhand mehrerer Perspektivenwechsel deutlich. Auf diese Weise werden Vielschichtigkeit und Multiperspektivität für den Betrachter mental wie physisch erfahrbar.

  10. »Die historische ›Wirkmächtigkeit‹ jener diskursiven Praktiken, die mit dem Archiv einhergehen, ist auch als eine spezifische Form der ›Wissenspoetik‹ zu begreifen: als eine Darstellungslehre und Hervorbringungskunst, die sich, sobald sie auf Archive rekurriert und deren Bestände bearbeitet, der Repräsentationsverfahren unterschiedlicher Künste bedient.« | Weitin, Thomas; Wolf, Burkhardt (2012): Einleitung: Gewalt der Archive. Zur Kulturgeschichte der Wissensspeicherung. In: Weitin, Thomas; Wolf, Burkhardt (Hg.): Gewalt der Archive. Zur Kulturgeschichte der Wissensspeicherung. Konstanz: Konstanz University Press, S. 11.

  11. Ebd.