Archivtektur | Simulationen, Operationen & Relationen

Archivtektur | Simulationen, Operationen & Relationen

Installationen, Skulptur

Archivtektur | FUZZY SPACE | 01.05.2015 – 21.06.2015

Der Volksmund spricht: »Ordnung ist die Seele aller Dinge« und »Ordnung ist das halbe Leben«. Schaut man sich aktuelle soziale und politische Entwicklungen an, so gewinnt man den Eindruck, dass das Streben nach Ordnung wieder en Vogue ist. Der Ruf des gemeinen Mannes von der Straße fordert ein wohlgeordnetes »Abendland« mit aufgeräumten und übersichtlichen Verhältnissen. Und selbsternannte Ordnungshüter patrouillieren zum Wohl der öffentlichen Ordnung in sogenannten »Problemvierteln«. Der Ton wird kälter in einer zunehmend erstarrenden Gesellschaft.

Archivtektur | Simulationen, Operationen & Relationen

Die Ausstellung »Architektur | Simulationen, Operationen & Relationen« setzt sich am Beispiel archivarischer Praxis mit Auswüchsen der praktizierenden Ordnungsliebe und dem wachsenden Ordnungswahn auseinander und fragt, inwieweit Ordnung als Instrument der Herrschaft und Repression dem Archivbegriff quasi »eingeschrieben« ist. Das Motiv der Ausstellung ist Robert Musils Romanwerk »Der Mann ohne Eigenschaften« entlehnt und beschreibt in letzter Konsequenz die Auswirkung totaler Ordnung: »Aber jetzt stell dir bloß eine ganze, universale, eine Menschheitsordnung, mit einem Wort eine vollkommene zivilistische Ordnung vor: so behaupte ich, das ist der Kältetod, die Leichenstarre, eine Mondlandschaft, eine geometrische Epidemie! […] Irgendwie geht Ordnung in das Bedürfnis nach Totschlag über« , lässt Musil seinen General Stumm ausgerechnet nach einem Besuch der Wiener Staatsbibliothek ausführen. Temperatursturz in der Bibliothek und Eiszeit im Archiv? Vor diesem Hintergrund formuliert die Ausstellung einen Ordnungsbegriff, der sich seiner stetigen Auflösung »verschrieben« hat. So spielt die Skulpturenserie »Ordnung zweiter Ordnung« mit der empfindlichen Balance zwischen Ordnung und Chaos, Statik und Zusammenbruch: Fragile Werke, aufgetürmt aus bunten Bällen und dünnen Gläsern, propagieren die ästhetische Selbstbehauptung unter instabilen Verhältnissen. 

Ob Erstarrung in Ordnungsstrukturen oder Auflösung im Chaos, ob Sterben in Schönheit oder paralysiert durch das Grauen – die jeweiligen Zustände sind in ähnlicher Weise eine existentielle Bedrohung für ein Archiv. Sie bedeuten den irreversiblen Verlust geordneter Strukturen und Informationen. Ähnliches gilt für die soziale Sphäre: Gerät die Gesellschaftsordnung außer Kontrolle, droht die totalitäre Gewaltherrschaft: Gefühlskälte, kulturelle Armut und sozialer Zerfall sind die Folgen. Ungeachtet der Versprechen populistischer Weltanschauungen oder bizarrer Ideologien müssen Ordnungsprinzipien im öffentlichen Diskurs stets neu verhandelt werden. Dazu bleibt festzuhalten: Das Feld und die Stadt gehören nicht den Ordnungsfanatikern, sondern »Balancekünstlern«, die sich nicht weiter einschüchtern lassen – daher los: »Alle raus, die Straße verteidigen!«