Archiv der Stiftung Federkiel München

Das Archiv sind Sie, sind wir, bin ich! Oder: Wie wird aus gestern und heute morgen?

Ausstellung, Fotografie, Installationen, Intervention

Das Archiv sind Sie, sind wir, bin ich! Oder: Wie wird aus gestern und heute morgen?
Federkiel – Raum für Kunst, Bildung, Ökologie, Genuss | München | 01.06.2017

Museum und Archiv sind zwei durchaus unterschiedliche Dinge. Sie finden den Eingang zum Museum Cafe Luitpold zu Ihrer Linken. Er führt Sie in die erste Etage und dort zurück in eine Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende, eine Zeit, die man heute ›Gründerzeit‹ nennt. Die Scheiben, vor denen Sie stehen, verwehren Ihnen zwar den gewohnten Einblick in dahinter liegende Räume, gewähren Ihnen aber dafür einen – wenn auch nur kleinen – Einblick in das Archiv des Luitpoldblocks. Sie sehen Texte, Materialien, vor allem aber Fotografien aus einem Archiv, das die gesamte Geschichte des Luitpoldblocks zum Gegenstand hat.

Archiv der Stiftung Federkiel München

Christof Salzmann hat mehrere nicht-archivarische Blicke in dieses Archiv geworfen, ein erstes Ergebnis zeigt sich Ihnen hier. Es ist ein künstlerischer, ein spielerischer Blick, was nicht verwundert, denn Salzmann ist Künstler und nicht Archivar. Vielleicht auch deshalb muss seine Auswahl mit einem ebenso spielerisch-witzigen wie hintersinnigen Text von Loriot beginnen.

Der künstlerische Blick in ein Archiv bietet ungewöhnliche Möglichkeiten. Die ausgewählten Fundstücke können aus archivarischer Perspektive eher unbedeutend sein, aus künstlerischer Perspektive werden sie zu Entdeckungen. Während der klassische Archivar das Fundstück unter historischer und/oder juristischer Perspektive (der Ursprung des Archivwesens liegt in der Rechtsprechung) betrachtet und bewertet, so nimmt der Künstler unterschiedliche Betrachtungspunkte ein, um Beziehungen zwischen Archivmaterialien und zeitaktueller ‚Umwelt‘ abzubilden. Künstlerische Perspektiven sind z. B. narrative Zugänge, visuelle Irritationen, ästhetische Merkmale, strukturelle und konzeptionelle Grundlagen, mystische Dimensionen, faktische Widersprüche, emotionale Phänomene und vieles mehr. Diese anderen Zugänge sind – nicht nur – für die Arbeit mit einem Archiv grundlegend, um auf diese Weise aus einem statischen Archivkörper einen dynamischen Archivprozess zu entwickeln.

So zeigt das Bild unter dem Loriot-Text z. B. eine Kopie des provisorischen ›Chef-Büros‹. Es birgt eine Geschichte. Wahrscheinlich bezieht sich das ‚Provisorium‘ auf die örtliche Situation. Man kann den Begriff ‚provisorisch‘ z. B. als ‚Zwischenzeitraum‘ lesen und sich fragen: Wie lebt und denkt es sich in einem Provisorium? Wodurch unterscheidet sich das Arbeiten im räumlichen und örtlichen ‚Dazwischen‘ von fest etablierten Orten? Welche Vor- und Nachteile bietet ein ‚Provisorium‘? Wonach sehnt man sich im ‚Zwischenzeitraum‘?

Die Fensterscheibe links zeigt alte Münchner Kinokarten und den Eingang zum Lichtspiel Luitpold. Sie erinnert so an die cineastische Tradition des Luitpoldblocks, denn das Lichtspiel war bis in die 1970er-Jahre das größte der Stadt. Marlon Brando oder Sophia Loren gaben hier ihre Deutschlandpremieren. Ein Haus wie der Luitpoldblock mit seinen mehr als zwanzigtausend Quadratmetern Fläche ist in einer ständigen Bewegung. Von daher wurden und werden die Blicke immer wieder einmal gestört durch Bauzäune. Salzmann zeigt uns rechts Bauzäune aus zwei unterschiedlichen Zeiten. Auf den beiden Farbbildern sehen Sie ein Beispiel aus dem Jahre 2016. Die von der Eigentümerfamilie des Luitpoldblocks gegründete Stiftung Federkiel hatte den Schweizer Künstler Beat Streuli eingeladen, den 23 Meter langen Bauzaun auf dem Maximiliansplatz mit einer Foto-Installation zu bespielen. Streulis Arbeit wurde für vier Monate zu einer ebenso leichten wie irritierenden Intervention auf dem ›Platz der Opfer‹.

Weiter rechts dann zwei Fahrzeuge wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und doch mit gleichem Erscheinungsbild: einem Ornament aus weißbraun ineinander geschachtelten L-Formen. Der alte VW-Bus ›Cafe Luitpold Grill Confiserie‹ lieferte in den ausgehenden 1950er-Jahren die entsprechenden Waren des Hauses an und ab; der BMW i3 steht als Elektro-Car-Sharing-Auto den Mietern des Luitpoldblocks zur Verfügung. Seine Ladestation im Hof wird mit Strom aus einer auf dem Dach installierten Photovoltaikanlage versorgt, die darüber hinaus auch Mieterstrom produziert. Die letzte Scheibe rechts zeigt Bilder aus dem ›Grillroom‹ der frühen 1960er-Jahre. Auch das war einmal das Cafe Luitpold: ein cooler, ganz dem damaligen Zeitgeist verpflichteter Ort des gastronomisch konzeptuellen Experiments. Eines der auf den S/W-Bildern zu sehenden großen Blumenbouquets hat Christof Salzmann von den Floristen bei ›Flor&Dekor‹ nachgestalten lassen, es neu fotografiert und hier als Reminiszenz auf eine vergangene Form betörender Opulenz gesetzt.

Jörg van den Berg | FEDERKIEL – Raum für Kunst, Bildung, Ökologie, Genuss | Luitpoldblock | München | federkiel.org