Editorial

Der Versuch alles in einem Atemzug zu sagen, misslingt

FUZZY SPACE, 1999 von Christof Salzmann gegründet, untersucht Zusammenhänge sozialer Sphären im Arbeits-, Informations- und Kunstkontext.

In zahlreichen Publikationen, Ausstellungsbeiträgen und Interventionen thematisiert FUZZY SPACE die dynamischen Veränderungen in der Beziehung zwischen privaten und öffentlichen Segmenten. Weitere thematische Schwerpunkte des Magazins sind die Beschreibung neuer Arbeitsgesellschaften, insbesondere das veränderte Verhältnis von Erwerbszeit und selbstbestimmter Zeit, sowie Reflexionen über das diffuse Verhältnis von Risikoanalyse und Sicherheitsdenken in neuen hybriden Gesellschaftsformen. Dokumentarische und archivarische Projekte dienen darüber hinaus der Analyse sozialer Ordnungen, ihrer Strukturen und Rhetoriken, ihrer Transformation und Auflösung.

Analysen und Kommentare zu aktuellen sozialen Prozessen lassen sich jedoch nicht auf „einen“ Diskurs im Rahmen „eines“ Gesellschaftsbereiches reduzieren. Daher bedient sich FUZZY SPACE unterschiedlicher Veröffentlichungsformen und -foren: Neben der Veröffentlichung von Material im eigenen Magazin intervenierte FUZZY SPACE in öffentlichen Räumen, schaltete Zeitungsanzeigen zur politischen Aufklärung im Medienkontext und lieferte Gesprächsbeiträge im Rahmen von Symposien, Fernseh- und Radiosendungen.

Wie lässt sich das Leben in neuen prekären sozialen Zwischenbereichen beschreiben? Häufig lassen sich die Gründe und Ursachen für diese weitreichenden Veränderungen aufgrund komplexer Zusammenhänge und Abhängigkeiten nur schwer im Einzelnen benennen, doch stellt sich für FUZZY SPACE generell die Frage, ob die Untersuchung einzelner Faktoren innerhalb eines Gesamtzusammenhangs zu realistischen Ergebnissen und Voraussagen führen kann? FUZZY SPACE konzentriert sich daher im Rahmen der Untersuchung aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen mehr auf Wirkungen und Abhängigkeiten zwischen den Dingen als auf eine isolierte Analyse der Dinge selbst.

Verallgemeinernd kann man die Arbeit von FUZZY SPACE als die Beobachtung von Unschärfe mit Hilfe unscharfer Beobachtung anhand grenzwertiger Modelle beschreiben. Dabei ist sich FUZZY SPACE bewusst, dass Beobachtung einen latenten und missverständlichen Akt darstellt. Nach der von Werner Heisenberg aufgestellten Unschärferelation sind alle Beobachtungen unvollkommen, da sie mit einem kleinen, aber irrreduziblen Maß an Unschärfe behaftet sind. Nach seiner Theorie lässt sich die Position und der Impuls eines Elementarteilchens weder gleichzeitig, noch exakt bestimmen, da der Vorgang des Beobachtens prinzipiell einen manipulativen Eingriff in das Messverfahren bedeutet. Niklas Luhmann formulierte zudem Ordnungsprinzipen von Beobachtungsprozessen: Er definiert Beobachtung als systeminterne Operation, als eine Konstruktion eines Systems, und beschreibt die Unmöglichkeit der eigenen Beobachtung im Beobachtungsprozess als blinden Fleck im Auge des Beobachters.

Trotz unscharfer Bewegungsstudien, blinder Flecken und toter Winkel bewegt sich FUZZY SPACE nur scheinbar auf unsicherem Terrain, denn unscharf ist das Gegenteil von ungenau: So lassen sich mit Hilfe des viskösen Instruments Sprache durch Verknüpfung von an sich unscharfen Aussagen (vorausgesetzt es handelt sich nicht um absolute Aussagen) durchaus Gesamtzusammenhänge klar benennen und präzise Handlungsanweisungen formulieren.

Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich unscharfen Phänomenen als Grundlage der Arbeit von FUZZY SPACE baut auf Aussagen der wissenschaftlichen Theorie der so genannten Fuzzy-Logik auf: Im Wörterbuch wird der Begriff „fuzzy“ mit „unscharf“ und „verschwommen“ beschrieben, darüber hinaus wurde der Begriff in den 1960er Jahren im Zusammenhang mit der vom amerikanischen Mathematiker Lotfi Zadeh begründeten Fuzzy-Logik bekannt. (Anfangs von so genannten „exakten“ Wissenschaften belächelt, finden sich heute zahlreiche Anwendungsgebiete in der Steuerungs- und Prozesstechnik die auf der Fuzzy-Logik basieren. Und nachdem nahezu jede Klimaanlage mit Fuzzy-Reglern ausgestattet ist, stellt keiner mehr diese ungewöhnliche Wissenschaft in Frage.)

Zadeh erkannte, dass Präzision über ein gewisses Maß hinaus nicht sinnvoll ist: „In dem gleichen Maße, in dem die Komplexität eines Systems steigt, vermindert sich unsere Fähigkeit, präzise und zugleich signifikante Aussagen über sein Verhalten zu machen. Ab einer gewissen Schwelle werden Präzision und Signifikanz (Relevanz) fast sich gegenseitig ausschließende Eigenschaften.” Seine „Unschärfetheorie“ der Logik bricht daher mit der klassischen aristotelischen Logik, in der eine Aussage entweder nur wahr oder nur falsch, 1 oder 2, schwarz oder weiß sein kann und operiert stattdessen in einem unendlich nuancierten „grauen“ Zwischenbereich. Zwischen den Extremwerten gibt es einen kontinuierlichen Übergang von „Element-Sein” zu „Nicht-Element-Sein”. Im Gegensatz zu sogenannten „scharfen Mengen“ kann somit ein Element im Verfahren der Fuzzy-Logik in einer „unscharfen Menge“ auch „ein wenig“ enthalten sein oder in mehreren Mengen auftauchen. Umgangssprachliche Beschreibungen (linguistische Variablen) wie „ein bisschen“, „ziemlich“ oder „stark“ werden dabei in mathematische Modelle gefasst, die auf dieser mehrwertigen Logik basieren. Dabei sind nicht genaue Messwerte von Bedeutung, sondern Aktionsregeln. Durch die Verknüpfung dieser sprachlichen Regeln entstehen vernetzte Strukturen, die ihre Wirkungen auf Wenn-dann-Beziehungen gründen. Der strategische Vorteil liegt dabei in der drastischen Reduzierung von Datenmengen die zur exakten Beschreibung des Systems benötigt werden. Die Reduzierung von Daten in komplexen Systemen führt weiter zu einer Vermeidung von systeminternen Fehlern, Paradoxien und Absurditäten und schlussendlich im Vergleich zu traditionellen daten- und rechenintensiven Modellen zu einer höheren Systemsicherheit. Somit lassen sich anhand weniger Daten schnell realitätsnahe und präzise Aussagen im Rahmen komplexer dynamischer Prozesse formulieren.

Ausgehend von den Grundlagen der wissenschaftlichen Theorie der Fuzzy-Logik bewegt sich FUZZY SPACE in diffusen sozialen Räumen und sich auflösenden gesellschaftlichen Strukturen. Im Werkprozess nutzt FUZZY SPACE assoziative und kombinatorische Fähigkeiten. Dies äußerst sich auch in der Aneignung postmodernen Kulturtechniken: Appropriation, Bricolage, Collage, Copy & Paste, Crossing, Cut up, Dekonstruktion, Found Footage. Kopieren, Mapping, Mixing von Codes, Montage, Morphing, Remix, Sampling, Zitieren … sind nur einige ästhetische Produktionsweisen, die für eine aktuelle Beschreibung sozialer Verhältnisse genutzt werden.

In diesem Zusammenhang sei auch die apophänische Veranlagung von FUZZY SPACE genannt. Dieser Begriff beschreibt die plötzliche Wahrnehmung von Verbindungen, Mustern und Bedeutungen bei nicht miteinander in Zusammenhang stehenden Phänomenen. Der Begriff wurde 1958 von Klaus Conrad eingeführt und bezeichnet in der Statistik einen Fehler ersten Grades oder eine Mustererkennung, wo es in Wirklichkeit kein Muster gibt. Während die zwanghafte Herstellung von Verbindungen zwischen offensichtlich nicht zusammenhängenden Ereignissen als Fehler oder Krankheitsbild beschrieben wird, so versteht FUZZY SPACE diese Form des frei assoziierenden und verknüpfenden Wahrnehmens als eine Voraussetzung für kreatives Handeln.

Doch wie sieht der Flaneur im FUZZY SPACE aus? Wer verbirgt sich hinter dem Spaziergänger im unscharfem Raum, wer beschreibt den Staub in den Ritzen der grauen Zwischenräume, wer hört das unablässige Rauschen in den versteckten Nischen? Und wer bestimmt die Schnittmengen? An dieser Stelle ein Rückgriff auf ein Goethe-Wort: Ausgerechnet in seinem Werk „Dichtung und Wahrheit“ skizziert er das Phantombild des gemeinen Fuzzy-Logikers: „ Seine größte Lust war, sich ernsthaft mit possenhaften Dingen zu beschäftigen und irgendeinen albernen Einfall bis ins Unendliche zu verfolgen. So trug er beständig grau, und weil die verschiedenen Teile seines Anzugs von verschiedenen Zeugen und also auch Schattierungen waren, so konnte er tagelang darauf sinnen, wie er sich noch ein Grau mehr auf den Leib schaffen wollte, und war glücklich, wenn ihm das gelang und er uns beschämen konnte, die wir daran gezweifelt oder es für unmöglich erklärt hatten. Alsdann hielt er uns lange Strafpredigten über unseren Mangel an Erfindungskraft und über unsern Unglauben an seine Talente.“

Ganz zuverlässig ist dieses Bild nicht geraten. Nur schemenhaft zeichnet sich ein Schatten vor grauem Hintergrund ab. Vielleicht hilft es, die Augen zusammenzukneifen oder heftig zu blinzeln, um die verwischten Konturen des sich bewegenden Schattens zu erkennen.

Und um dem Profil von FUZZY SPACE weiter seine Schärfe zu nehmen, sei noch auf eine Erklärung aus dem Wörterbuch verwiesen – dort wird „fuzzy headed“ mit „nicht ganz klar im Kopf“ übersetzt. Ein letzter Hinweis darauf, dass der Aufenthalt im FUZZY SPACE ein „VVagnis“ bedeutet.